Tunesien 2017: Sand satt – Ab ins Nirgendwo der tunesischen Sahara

tl;dr: Spaß pur, neue Erfahrungen und Eindrücke, viel, viel und noch viel mehr Sand und tolle Menschen; oder noch kürzer ausgedrückt: eine ganz besondere Zeit.


Irgendwie kann ich selbst nicht glauben, ich sollte durch die Sahara fahren und hauptsächlich in einem Zelt übernachten oO.

Ach ja klar, ihr fragt euch jetzt natürlich, warum mich das so wundert, schließlich kennt ihr mich ja nicht und lest hier normalerweise die Reiseberichte von Jan, der schon häufiger solche Touren gemacht hat – Aber das ist bei mir nicht so, also der Teil mit der Erfahrung mit dem Offroaden. Vor der Abfahrt war ich lediglich ein paar Stunden in einem kleinen Offroadpark in der Nähe, um wenigstens grob einschätzen zu können, worauf ich mich eingelassen hatte. Und eigentlich habe ich noch nicht mal Campingerfahrungen. Bisher habe ich lediglich bei Festivals mal für ein paar Tage in einem Zelt übernachtet und das reichte mir dann auch jedes mal … und dann fragte mich Jan, ob ich nicht mit in die Sahara will.

Bei der Frage konnte ich natürlich nicht nein sagen 😉

Und nun war es also soweit. Ein halbes Jahr nach der Frage war endlich der 22. Dezember da. Alles Notwendige war entweder zusammengekauft oder geliehen, die Kiste war gefüllt und – gemeinsam mit gefühlt drölfzig anderen Gegenständen – im Landy verstaut. Alles, was jetzt nicht untergebracht war, blieb nun unwiderruflich hier, denn wir machten uns auf den Weg in Richtung Sahara.

Der lange Weg ins Nirgendwo

Wobei „auf den Weg“ schon fast wie eine Untertreibung klingt, denn der Weg ist lang, sehr lang sogar. Zuerst unendlich viele Kilometer Autobahn bis kurz hinter Mailand, dann eine viel zu kalte Nacht bei Minusgraden im Zelt (und ja, ich habe nur ganz knapp überlebt und werde nie wieder im Winter in Europa zelten), anschließend nach Genua zum Fährhafen und dort viiiiiiiieeeeeeel Wartezeit vertreiben, auf der Fähre 20 Stunden Zeit zum Entspannen und die Anderen aus der Gruppe Kennenlernen nutzen und anschließend noch einer Nacht in Hammermet ins Hotel bevor es endlich nach Douz an den Rand der Sahara ging.

Ja, ich weiß, das ist eine extreme Kurzfassung von den ersten Tagen, dabei könnte ich so viel Tolles berichten.

Zum Beispiel war dort die kleine Pizzeria in Italien, die plötzlich verschiedene Platten mit Antipasti auf Kosten des Hauses aufdeckte, ein traumhafter Morgen auf der Fähre oder der leckere Fisch vom Grill am Straßenrand auf dem Weg nach Douz, wo ich mich beinahe nicht getraut hatte, etwas zu essen. Nur wenn ich alles so ausführlich berichten würde, wie ich die Erinnerungen für immer in meinem Gedächtnis abgespeichert habe, würde das kein Bericht sondern mein erstes Buch werden … wobei, ein Buch wollte ich doch eigentlich immer schon mal schreiben. Aber nein, keine Angst, ich bleibe mit meinem Fokus auf dem „Sand satt“ 😉

Doch was ich dennoch erzählen muss, ist, dass die Gruppe sich auf dem Weg nach Douz vervollständigt hat. Nun bestand sie aus Ecki und Danny – den Guides -, Volker, Steffen, Uwe und Nicole – auch bekannt als Schlumpf und Schlumpfine -, Frank und Christl, Christoph (Mist, ich habe ihn nie nach seiner Schreibweise gefragt) und Stephan, Stephan und Sabine, Jan und Mike und natürlich mein Jan und ich. Also insgesamt eine ziemlich große Gruppe. Unterschiedliche Charaktere und Einstellungen trafen aufeinander. Doch eine Gemeinsamkeit einte sie alle: der Spaß am Offroaden und die Liebe zur Wüste. Wobei das mich zu Beginn nicht einschloss, schließlich war für mich noch alles unbekannt. Doch das bedeutete nicht, dass ich mich ausgeschlossen gefühlt hätten. Die Anderen nahmen mich so herzlich in ihrer Gemeinschaft auf, dass ich nichts anderes als mich wohl fühlen konnte. Zusätzlich verstand ich nach kurzer Zeit in der Wüste ihre Begeisterung für sie und das Offroaden <3 Aber eines werde ich mit den anderen wohl nie teilen: das Interesse an Technik. Mir ist es egal, welches Auto wieso über die Dünen kommt. Hauptsache, es kann in der Wüste fahren. Aber im Laufe der Zeit habe sogar ich gelernt, dass die Frage ob Defender oder Toyota schon philosophische Ausmaße annimmt. Deshalb will ich noch erwähnen, dass vier Defender, vier Toyota und ein Nissan - als innoffizille Schlichtungsstelle - dabei waren. Und an dieser Stelle will ich auch noch so viel spoilern, dass der Nissan seine Aufgabe perfekt erledigt hatte. Er musste als erster geborgen werden. Der "Kampf" zwischen Defender und Toyoter ging also unentschieden aus.

Nix Wüste, das ist nur die Touristenautobahn

So, genug der Vorworte, ich komme jetzt endlich zum Kern der Reise, den Saharasand. Aber nicht, bevor wir uns in Douz mit dem Nötigsten an Lebensmitteln eingedeckt, das Auto vollgetankt und entspannt Kaffee getrunken hatten. Und natürlich musste sich Jan noch einen neuen Außenspiegel organisieren, seiner war auf der Fähre gestohlen worden. Aber improvisieren scheint eine Grundvoraussetzung für Offroader zu sein und deshalb kann – Gaffa-Tape sei Dank – auch ein Mofaspiegel an einen Defender montiert werden.

Douz, eigentlich verdient die Stadt einen eigenen Bericht. Der Ort fasziniert mit einem Einblick in eine Kultur, die einerseits so fremd ist aber dennoch Vertrautes enthält. Eine Entspanntheit macht sich trotz der oberfächlichen Hektik des Ortes breit.

Und dann war sie plötzlich da: die Wüste. Jedenfalls dachte ich das, aber die anderen belehrten mich schnell eines besseren. Wir waren gerade mal auf der Touristenautobahn angekommen. Und bei der ersten Pause, wo wir den letzten Kaffee in der „Zivilisation“ tranken, wurde mir auch bewusst, was die anderen damit meinten. Eine Gruppe von Touristen, die wahrscheinlich im Hotel eine Tour gebucht hatte, saßen im Schatten beim Mittagessen. Kurz danach hieß es über Funkt „Vorsicht Gegenverkehr“ und weitere Touristentaxis kamen uns entgegen. Von Einsamkeit konnte noch lange nicht gesprochen werden. Dennoch beeindruckte mich das, was ich sah, schon sehr. Über staubige Pisten und Felder ging es Richtung Süden, Richtung „Sand satt“. Und mit jedem Kilometer entfernten wir uns weiter von den Touristen, von der Zivilisation. Bereits am zweiten Tag war von anderen Urlaubern oder auch nur Spuren im Sand weit und breit nichts zu sehen.

Wie wertvoll das war, wurde mir ein paar Tage später fast schmerzlich bewusst. Nach einem längeren Zeitraum mit reduzierter Körperpflege in Form von Feuchttüchern stand endlich Wasserkontakt auf der Tagesordnung; es sollte an den verlorenen See gehen. Doch auf dem Weg war es schnell vorbei mit den bekannten Stimmen im Funk, immer mehr andere „Reisegruppen“ waren zu hören. Und auch der Sand war alles andere als unberührt; überall waren Spuren zu sehen. Doch es wurde noch schlimmer, auf der letzten Düne angekommen bot sich ein Bild des Grauens: Wie Armeisen strömten aus allen Richtungen Konvois zum See, an dem neben einem Kaffee auch eine Zeltstadt auf die Touristen wartete. Es ist erstaunlich, wie schnell ich mich an die Einsamkeit und Ruhe gewöhnt habe und wie wenig ich fremde Menschen vermisste. Aber was soll es, auch wenn die gesamte Seele in voller Lautstärke schrie „Ich will keine Menschen“ lockte das Wasser zu sehr.

Doch unten angekommen war es so schlimm wie befürchtet. Dummschwätzer prahlten davon, wie sie sich mit ihrem Landrover überschlagen hatten – und das von einem Guide, nicht von einem Anfänger oO – oder ein anderer pöpelte, dass jemand aus unserer Gruppe im Weg säße. Also nichts wie beeilen mit der Körperpflege, das Angebot nach einem Essen für 25 Euro ignorieren und schnell wieder raus aus dem „Massentourismus“ zurück in die Einsamkeit der hohen Dünen. Ein Glück, dass die meisten Sahara-Touristen diese Ecken nie erreichen und es dort wirklich noch einsam ist.

Sand satt: der Spaß in den Dünen

„Guten Morgen, wir hoffen, ihr habt alle gut geschlafen. Heute mal Tunesien, heute mal Sand satt.“ Mit diesen Worten startet nach der ersten Nacht in der Wüste – und anschließend an jedem weiteren Morgen – das Abenteuer. Die letzten Anweisungen werden gegegen. „Bleibt in den Spuren und sagt bescheid, wenn ihr euch nicht wohl fühlt. Und das Wichtigste, im Fall der Fälle (also der Wagen so viel Schieflage bekommt, dass er kippt) macht sofort den Motor aus, damit er nicht kaputt geht.“

Wie jetzt, ich dachte, das Schlimmste, was passieren könnte, wäre eine zerbrochene Scheibe und ein paar Dellen. Auch nicht toll, aber doch immer noch ein überschaubares Risiko. Und was bedeutet sich nicht wohl fühlen? Naja, keine Angst einreden lassen und einfach entspannt drauf einlassen. Eine andere Chance hatte ich auch nicht, denn ich war hier und nun ging es los in den Sand.

Noch etwas unsicher und vorsichtig folgen alle den Spuren, die Ecki und Danny in den Sand ziehen. Zwischendurch immer wieder Wartezeit, bei neun Fahrzeugen zieht sich der Konvoi ziemlich. Doch so habe ich die Möglichkeit, mich an die Situation zu gewöhnen. Immer wieder werde ich nach rechts oder links geschleudert, alle Bewegungen des Autos scheinen für mich unvorhersehbar. Doch dank der tollen Erklärungen von Jan lerne ich schnell, die Wüste zu „lesen“. So wird die Fahrt langsam vorausschaubar, was jedoch nicht langweilig bedeutet. Denn auch das hatte seine Grenzen. Was sich hinter der nächsten Düne befindet, war häufig erst in letzter Sekunde zu erkennen. Also mit Gefühl – oder oft auch mit Vollgas – die nächste Steigung hoch, rechtzeitig abbremsen und dann erst mal schauen, wo es weitergeht. Ein Glück, dass ich nicht fahren muss und mir alles vom Beifahrersitz aus anschauen konnte ;). Auch wenn irgendwo der Reiz in mir ist, auch mal zu fahren … Nein, das traue ich mir nicht zu, schon gar nicht, wenn ich bei einem Fehler wegrutschen und das Auto zum Kippen bringen könnte und dadurch der Motor zerstört werden könnte. Davon war ich am Ende des ersten Tages überzeugt.

OMG, Ich soll fahren oO –> yeah, ich bin gefahren 😀
Doch mit der Überzeugung war ich relativ allein. Jan hat von Anfang an gesagt, dass ich auch mal fahren solle und dann fingen Danny und Nicole beim abendlichen Lagerfeuer auch noch an. Und irgendwie war damit die Saht in mir gepflanzt. „Vielleicht kann ich ja doch mal?“ Aber das es so schnell der Fall sein sollte, damit hatte ich nie gerechnet.

Bereits am nächsten Tag, während der Konvoi durch ein Tal fuhr: Am nächsten Tag in einem Tal:

  • Ich: „Glaubst du, dass ich solche Passagen fahren könnte?“
  • Jan: „Klar, warum nicht?“
  • Ich: „Soll ich es beim nächsten Tal mal versuchen?“
  • Bevor Jan antworten konnte Danny über Funk: „Hier ist es jetzt etwas einfacher, da können auch Beifahrer mal das Steuer übernehmen, nicht wahr Jan und Sandra.“

Und eh ich mich versah, saß ich hinterm Lenkrad oO. Mist, was hatte mir Jan bereits alles über das Offroaden erzählt? Ach ja, Fuß von der Kupplung, die brauche ich nur zum Anfahren und Schalten. Und sonst? Irgendwie war alles weg und ich fühle mich wieder wie mit 17 bei der ersten Fahrstunde. Wo war die Kupplung? Mist, schon wieder die Bremse. Warum ist in diesem Auto auch noch alles so weit nach links versetzt, es wäre auch ohne das Suchen nach den richtigen Pedalen schon schwer genug.

Doch langsam fängt es an Spaß zu machen. Geduldig erklärt mir Jan immer wieder, worauf ich achten muss und ich werde immer selbstsicherer, zumindest hier in dem einfachen Bereich im Tal.

Die Euphorie packt mich – oder ist es der Größenwahn? Egal, der Anstieg auf die nächste Düne gehört mir … Geschafft, ein tolles Gefühl, Adrenalin pur. Ich will Gas geben, die Düne auch wieder runterfliegen, Spaß haben. STOP!!! Das ist zu gefährlich, ich darf meinem Charakter hier in den Dünen nicht die Oberhand geben, also lieber das Lenkrad wieder an Jan übergeben. Gedacht, getan, noch mehrmals musste ich mich stoppen, wenn das Fahren am meisten Spaß gemacht hat, aber Sicherheit geht vor 😉

Doch die Vernunft hielt mich nicht davon ab, am nächsten Tag in einen weiteren Anfall von Größenwahn zu geraten. Ecki und Danny haben mit einem Loch in einer Düne einen tollen Spielplatz gefunden, in den die anderen immer wieder rein- und rausfuhren. Und der Spaß dabei war ihnen deutlich anzusehen. Und warum sollte ich das nicht auch machen? Ganz langsam formte sich die Frage in meinem Kopf und plötzlich kam sie über meine Lippe. Nicht viel später stand ich an der Abfahrt in das Loch. „OMG, war das vorhin, als Jan gefahren ist, auch so steil?“ Langsam stieg die Panik in mir auf, doch Jans trockenes „Man bist du ein Schisser“ ließ meinen Trotzkopf siegen und ich fuhr einfach los. Und was soll ich sagen? I did it!!! Und es war geil 😀

Besondere Augenblicke

Ein fremdes Land, eine atemberaubende Umgebung und undendlich viele Eindrücke. Zu viel, um es in einem Reisebericht unterzubringen. Doch einige besondere Augenblick kann ich einfach nicht unerwähnt lassen. Da war zum Beispiel meine Fahrt auf dem Reservereifen auf der Motorhaube. Leider hat mich Jan nie im offenen Fenster sitzend mitfahren lassen, es sei zu gefährlich. Dabei wollte ich so gern das Gefühl der Freiheit außerhalb der sicheren Autokarosse spüren. Aber dann ließ er sich doch zu einer Alternative überreden: Ich durfte auf im Reserverad sitzend mitfahren. Also nichts wie raufgeklettert, festgehalten und losgefahren. Doch wieso macht der Idiot jetzt die Scheibenwischanlage an? Aber egal, es macht einfach nur Spaß, bei jeder kleinen Düne sprang ich im Reifen: Ein Gefühl von Freiheit pur, ja, ich lebe 😀

Doch nicht nur die Aufregung machte den Urlaub zu etwas besonderem, sondern auch die Ruhe und mit ihr Erfahrungen, die ich nie vergessen werde. So der besondere Schlafplatz auf über 200 Meter Höhe mit dem perfekten Blick auf den Sonnenaufgang. Morgens im Schlafsack liegen und durch das Panoramafenster die Sonne im Horizont aufgehen sehen, die Farben betrachten und einfach nur genießen, um eine Werbung zu zitieren: Unbezahlbar!!!

Und auch die Nächte waren besonders. Leider hatten wir das Pech, dass wir den berühmten Sternenhimmel über der Wüste nicht sehen konnten, der Mond schien zu hell. Aber dafür durften wir ein anderes Naturphänomen betrachten. Während unserer Zeit ging der sogenannte Supermond auf. Leuchtendorange und riesengroß kroch er über den Horizont und machte die Nacht fast zum Tag.

Nicht nur Positives

So toll, wie es sich in dem Bericht liest, war es aber leider nicht durchgängig. Etwa zur Hälfte der Tour halbierte sich die Gruppe. Aus gesundheitlichen Gründen wurde es für ein Fahrzeug zu riskant, so tief im Süden so weit ab von der Zivilisation zu bleiben. Außerdem war der Nissan zu dem Zeitpunkt im Streik: Er weigerte sich vorwärts auch nur die geringste Anstrengung zu bringen. Deshalb mussten wir erst mal raus aus der Wüste, doch nur wie mit dem kaputten Auto? Erster Versuch: Schleppen. Doch das dauerte und klappte nicht wirklich. Aber das Auto fuhr ja noch rückwärts. Also setzten sich Christoph und Stephan abwechselnd ans Steuer und fuhren rückwärts durch die Wüste. Eine beeindruckende Leistung:

Zusätzlich entschieden sich noch Jan und Mike, nicht weiterzufahren, weil sie beführchteten, dass ein technisches Problem sich verschlimmern würde. Und auch Frank und Christl wollten nicht weiter. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass „Sand satt“ doch nichts für sie ist und sie lieber eine Sightseeingtour durch Tunesien machen wollten. Also ging es mit einer kleinen Gruppe weiter, was der Stimmung jedoch keinen Abbruch brachte.

Auch sonst hatten wir noch weitere kleine technische Defekte wie ein gelöster Beifahrersitz oder heruntergutschte Reifen, aber nichts davon konnte uns wirklich lange aufhalten und so hieß es einfach nur „Sand satt“.

Fazit:

Für alle, die es aus meinem ausführlichen Bericht nicht herausgelesen haben: Es war so eine besondere Zeit und ich habe nicht eine Sekunde bereut, dass ich mitgefahren bin 😀