Rumänien Ukraine 2013

Ende 2012 wurden wir eingeladen, zusammen mit einer kleinen Truppe im Sommer 2013 die nördlichen Karpaten durch Rumänien und die Ukraine zu erkunden. Sinn und Zweck der Tour sollte es sein, die Gegend um Maramureș und des nördlichen Moldova zu scouten, um hier in den kommenden Jahren Reisen für Selbstfahrer anbieten zu können. Adressen von Campingplätzen, Restaurants und POIs der Region sollten ausgemacht, besucht und bewertet werden. Challange accepted – wir haben spontan zugesagt, nicht zuletzt weil uns einige der Teilnehmer des Teams bekannt waren und Rumänien oben auf unserer Liste der zu besuchenden Länder stand. Neben Graham und Nole konnte war die Besetzung noch eine Weile unklar, bis wir Sarah und Kai mit Ihrem 110er zur Mitreise überzeugen konnten. So ging es in die Planung und wir verbrachten etliche Stunden mit dem Studium von Reiseführern, Internetrecherchen und dem basteln von Tracks mit Hilfe von Google Earth und Open Streetmap Karten. Vor Beginn der Reise traf sich die Reisegruppe 2x zum kennenlernen und zum Austausch der Informationen, Routen und POIs für die Planung. Ende Juni 2013 sollte es dann endlich losgehen …

Nördlich des Harzes am PWC Brockenblick begann dann die Reise in die Karpaten mit einer ersten Etappe von gut 700 km bis nach Bratislava. Einen Zwischenstopp für Kaffee und Aufnahme von Nahrungsmitteln legten wir in Prag bei unserem Freund Andreas ein. Dieser lies nicht Lumpen und es gab frisch aus dem Ofen einen ordentlichen Braten. Somit gestärkt war der Rest der Etappe nach Bratislava ein Kinderspiel. Für eine Übernachtung dort hatten wir uns die Pension Berg ausgesucht. Diese Empfahl sich wegen der Nähe zur Autobahn, der videoüberwachten Parkplätze und der Erfahrungen einer Reisegruppe aus dem Vorjahr. Essen und Lokal sind wirklich Spitze und das Ambiente gemütlich, die Zimmer könnten jedoch ein wenig Farbe gebrauchen. Aber für einen Offroad Reisenden Defenderfahrer wollen wir hier auch nicht päptstlicher als der Papst sein. Gestärkt nach deftigen Frühstück ging es dann weiter in Richtung Rumänien. Die Strecke ging weiter über Budapest bis nach Debrecen. Dort füllten wir im lokalen Tesko Mega Markt unsere Kühlboxen randvoll mit Proviant für die nächsten Tage. Westlich von Debrecen ging es über einen kleinen Grenzübergang nach Rumänien. Geschafft! Für die 1. Übernachtung wollten wir einen Campingplatz im Örtchen Șimleu Silvaniei nutzen, den wir durch Recherchen im Vorfeld ausmachen konnten. Leider war dieser nicht mehr existent. Hier erwies es sich zum als Vorteil, das wir einen Rumänen mit im Team hatten. Marius lebt und arbeitet mittlerweile in London, nimmt jedoch jede Gelegenheit wahr, die Karpaten und die verbliebenen Freunde in der alten Heimat zu besuchen. Diese alten Bekannten haben uns auf einem Privatgrundstück neben einer landwirtschaftlichen Stallungsanlage samt Überstand mit Grill unterbringen können. Wir wurden hier herzlich mit einer traditionellen Mahlzeit empfangen (bestehend aus purem Speck,  Lauch, Ziegenkäse und nicht zuletzt ordentlich Palinka). Gastfreundschaft pur inmitten vom Nichts.

 

Am folgendem Tag ging die Reise weiter über diverse Landstraßen in Richtung eines weiteren Campingplatzes, den wir direkt im Zielgebiet als möglichen Basispunkt erkoren hatten. Die letzten 100 km dieser Etappe ging es bereits abseits geteerter Straßen über Feld und Waldwege mit schönen Panoramen und den ersten Höhenmetern. Es wurde hier sogleich verständlich, weshalb der nördliche Teil der Karpaten auch „Waldkarpaten“ genannt wird. Die Camp Site in Fundu Moldovei wurde – welch Überraschung – von einem Niederländer betrieben und ist neben dem guten Internet Auftritt auch bestens mit modernen Sanitären anlagen und WiFi ausgestattet. Für diejenigen, die keine Lust auf eigene Verpflegung haben bietet der Inhaber auch ein Barbecue für kleines Entgelt. Die Camp Site ist mit vielleicht 20 Standplätzen sehr übersichtlich und eher für Wohnwagen und Wohnmobile gedacht. Nach ein paar Tagen im Outback für eine ordentliche warme Dusche jedoch bestens geeignet. Die folgenden beiden Tage verbrachten wir in der Region um Fundu Moldovei und Câmpulung Moldovenesc, wobei wir uns hier Camps in den Wäldern zu Übernachtung suchten. Wir haben hier sowohl positive als auch negative Erfahrungen betreffend Schlafplatzsuche gemacht: Nachdem wir uns einen Berg hinauf gekämpft hatten ( Easy Peasy Offroad, aber die 10 Wildgatter pro 1 km nerven irgendwann) , hatte uns der Bergbauer ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, das wir wir gefälligst Hackengas geben sollten. Also sind wir durch die 1000 Gatter zurück ins Tal und haben dort direkt am Fluß unser Camp aufgeschlagen. Marius überraschte uns hier mit einem ganzen Arm voller Pilzen frisch aus dem Wald, die in nur 20 Minuten gesammelt waren.  Die Pilze wurden in purem Speck zusammen mit Zwiebeln, Paprika, Auberginen und Zucchini in der Murrikka gebraten und mundeten vorzüglich. Betreffend des Essens hatten wir an diesem Tag zumindest gewonnen. Am 2. Tag um Fundu Moldovei und Câmpulung Moldovenesc fuhren wir einen Schleife gen Norden nah an die Ukrainische Grenze. Hier besuchte unser Scout Marius ein paar alte Bekannte aus dem Heimatdorf seiner Mutter. Herzliche und bewegende Momente erlebten wir hier, als der verlorene Sohn in das Heimatdorf zurückkehrte. Für die ärmeren der armen Familien lieferten wir 2 Säcke Kuscheltiere, etliche Krankenpflegeartikel, 2 Kartons Barbie Puppen und Kinderspiele beim Pfarrer ab. Auf dem weiteren Weg empfiehl sich der Besuch des für die Region typischen Klosters Mănăstirea Moldovița. Dieses Kloster ist vielleicht nicht so gut in Schuss wie jenes in Sucevița, dafür aber bestimmt auch nicht so überrannt. Auf den Gipfeln selbst hatte wir es hier das erste mal knapp über die Baumgrenzen geschafft und wurde mit wunderschönen Fernsichten belohnt. Nach dem Dämpfer am Vortag fanden wir eine wunderschöne Campsite auf knapp über 1600 Metern mit wunderschönem Panorama über die Waldkarpaten.

 

Nach dem Frühstück rollten wir langsam den Berg hinunter auf der Suche nach ein wenig Asphalt, denn wir wollten und mussten ein wenig Strecke machen in Richtung Westen. Dies ist in der Region jedoch nicht so einfach. Überhaupt haben wir den Zustand der Straßen in der Planung unterschätzt, denn diese sind größtenteils in schlechter Qualität und von nicht enden wollenden Schlaglochteppichen übersäht. Kein Problem an sich für einen Land Rover Defender, jedoch geht`s halt langsamer voran als sonst schon. Wenn wir hier also 200 km pro Tag geschafft haben, waren wir schon recht gut. Als Konsequenz dessen haben wir etliche unserer im Vorfeld geplanten Touren und POI’s auf dem Trip gestrichen, denn diese waren insgesamt nicht zu schaffen.

Das Tagesziel für heute war die Stadt Borșa. Auf dem Weg dorthin lag der in Reiseführern als sehenswert bezeichnete Prislop Pass, der auch Startpunkt der diesjährigen Superkarpata Trophy war. Zum anderen war in Borșa selbst ein Campingplatz verzeichnet den wir probieren wollten. Dieser entpuppte sich als sehr klein, denn er ist in irgendeinem Garten eines Wohnhauses gelegen. Mit unseren 4 Defendern wäre der Camping Platz komplett belegt. Zum anderen war der Platz schon von den Kollegen der 2-Rädrigen Grobstollenfraktion bewohnt. Auch hier hatten wir wieder erwarten Glück und wurden in der Stadt von einem – welch Überraschung – jungen Niederländer angesprochen, der in den Bergen nördlich von Borșa derzeit ein Camping aufbaut. Auch wenn sanitäre Anlagen noch vorhanden waren, gab es zumindest fließend Wasser und eine schöne Wiese für die Nacht. Wir schlugen das Angebot nicht aus und machten uns – nach Füllung der Kühlboxen im örtlichen Lidl – auf den Weg zum Niederländer. Der Weg dorthin war bei trockener Witterung schon ganz anständig und geht nur mit 4×4. Es bleibt ein Rätsel wie der Betreiber seinen Wohnwagen dorthin gebracht hat. Sicher ist nur, das dieser den Berg nicht mehr verlassen wird. Anyway – auch hier hatten wir ein tollen Abend mit BBQ Winch und das 2. Bier schaffte schon die nötige Bettschwere nach hartem Tag sowohl on als auch Offroad.

Morgens ging es früh aus dem Schlafsack in Richtung Vișeu de Sus, denn wir durften den Zug ja nicht verpassen. Jawohl den Zug ! Von Vișeu de Sus aus fährt Europas letzte dampf-getriebene Holzrückebahn ab. Die Anlage ist mittlerweile in privater Hand und auf jeden Fall einen Ausflug wert. Am Bahnhof in Vișeu de Sus selbst gibt es zudem Stellplätze für Wohnmobile oder halt einen Defender mit Dachzelt. In alten Schlafwagen kann ein Bett inkl Frühstück gebucht werden. Wir selbst waren rechtzeitig da und hatten genug Zeit, uns lokal mit Informationen zu versorgen. So fassten wir spontan den Entschluss, das ein Teil der Gruppe per Bahn zur ersten Station der Holzbahn fährt, der Rest mit den Defendern. Nachdem die Truppe wieder vereint ist, wollten wir die Offroad Messlatte ein wenig höher legen und uns auf einem stillgelegten Gleisabschnitt durch die Wälder schlagen. Gesagt getan: Die Bahnstrecke folgt dem Verlauf des Flusses Talaufwärts. Die Defender mussten ein wenig durch die Stadt, um den Einstieg zur Straße parallel zum Fluss zu bekommen. Nachdem wir wegen Baustellen und Stau uns in der Stadt verfranzt hatten konnte es nur noch in alter Top Gear Manier weitergehen: Ein Rennen Auto gegen Dampfzug; und das Auto gewinnt bekanntlich zum Schluss immer. Dafür mussten wir uns allerdings ein wenig anstrengen, um den Vorsprung des Zuges wieder einzuholen. Kurz gesagt: Trotz vorzeitig endender Straße, einigen Furten durch den Fluss hat das Auto wiedereinmal gewonnen. Durch die Aktion sind auch ein paar sehr schöne Aufnahmen entstanden. Entlang des stillgelegten Streckenabschnitts gab es dann auch genügend Offroad für alle und wir mussten die Defender schon anständig rannehmen. Schlussendlich endete die Strecke in einem fiesen Holzrückeweg, und wir schlugen uns zurück zu einem vorherigen Abzweig in Richtung Băile Borșa, um dort nördlich einen Schlafplatz in den Bergen zu finden. Der Weg führte hier entlang einer alten und stillgelegten Erzmine. Ein wunderbarer Lost Place zum verstecken von Geo Caches oder einfach nur zum Fotografieren. Wir fanden einen schönen Platz in Gipfelnähe und konnten wie jeden Abend am Feuer bei sternenklarer Nacht den Tag rekapitulieren lassen.

 

Am kommenden Tag ließen wir es etwas lockerer angehen, denn wir wollten zumindest einen halben Tag mal etwas zu Fuß in den Karpaten machen. So sind wir mit Sarah und Kai vom Camp aus zum nächsten Gipfel gewandert, während Nole und Graham sich getrennt und die unzähligen Tracks im Umland aufgezeichnet haben. Am frühen Nachmittag kamen wir am besprochenen Treffpunkt wieder zusammen und machten uns auf den Weg zum Tagesziel, der Endstation der Holzrückebahn – nur von der anderen Seite des Tals. Auf der Karte war hier ebenfalls ein Camping verzeichnet, der für zukünftige Aktivitäten erkundet werden sollte. Unbewusst hatten wir uns die Messlatte in Sachen Offroad noch mal um einiges höher gelegt, denn die Weg zur Endstation der Bahn – sofern noch vorhanden – wurde immer schlechter und schlechter. Am TD4 von Kai quittierte das ABS / ETC  irgendwann temporär den Dienst mit den 3 Amigos. Sandbleche wurden zum Brückenbau benötigt, Steinbrocken bewegt um altzugrosse Absätze zu überwinden. Nach hartem Kampf dann auch noch Ernüchterung: der auf der Karte avisierte Campingplatz bestand aus 3 Bänken unter einem Baum, sonst nichts. Nun musste das Team entscheiden: Zurückkämpfen und eine weitere Nacht im Outback bleiben, zudem hätte dies bedeutet das wir wieder östlich fahren wo wir doch in den Westen wollten. Plan B: Mit Messer zwischen den Zähnen den Fluss hinunter zum Hauptbahnhof Vișeu de Sus, um von dort die Reise fortzusetzen. Nach Interview einer freundlichen Frau an der Bahnstation wäre die alles kein Thema: Zurück nach Vișeu de Sus nur 2 Stunden, ein paar mal durch den Fluss, ansonsten sind da Wege. Also entschieden wir uns für den Rückweg in die Stadt. Schlussendlich fehlten die Wege und wir brauchten die 12 km dann doch 5 Stunden, mussten unzählige Male durch den Fluss und wieder hinauf auf den Damm. Dabei haben wir Reifen zerschlissen, uns eine Buchse der Zugstrebe geschrottet und etliche Andenken in Blech und Alu hinterlassen. Fahrfehler schlichen sich langsam ein, Winden wurden benötigt. Ganz zu schweigen von den nötigen Metern auf den Schienen. Als es bereits Dunkel war fing es zu guter letzt auch noch an zu regnen, was das verlassen der Gleise im flachen Winkel noch anstrengender machte. Gegen 23:00 erreichten wir den Stellplatz und der Nachtwächter gewährte uns trotzdem Einlass. Offroadtechnisch war der Tag tiefschwarz und f$*%k1ng awesome, aber dafür und unter diesen Umständen waren wir nicht in die Karpaten gekommen.

Spät im Bett und früh wieder raus war somit die Devise, denn wir konnten nicht wirklich sicher sein im Nachhinein noch einen Anpfiff für die Aktion des letzten Tages zu bekommen. Also machten wir uns weiter auf den Weg in Richtung Baia Mare, der Hauptstadt der Maramureș Region. Unser Frühstück nahmen wir an einem der unzähligen Truck Stopps unterwegs entlang der Straße ein. In der Hauptstadt angekommen ging es erst einmal zum Proviant Bunkern im Netto. Wie sich herausstellte, ging der Stress der letzten Tage auch am Team nicht spurlos vorbei. Sarah und Kai entschieden sich, unter diesen Umständen nicht mit weiter in die Ukraine zu fahren und wollten sich mit längerer Pause in Ungarn auf den Heimweg machen. So hieß es beim nach einem letztem gemeinsamen Tankstopp „Drum Bun“ und unsere Wege trennten sich. In Baia Mare selbst gönnten wir uns mal ein richtigen Cappucino in einer Bar und bummelten ein wenig durch die Innenstadt. Durch Zufall fanden wir die Tourist Info der Region und obwohl am Sonntag geschlossen, versorgte uns der Wachmann dort mit Informationsmaterial und Karten. Zum Abend blieb der Grill auch kalt und wir fanden ein schönes Lokal direkt am Stausee nördlich von Baia Mare. Auch hier waren die ausgezeichneten Campingplätze ausschließlich für WoMo gedacht und so suchten wird uns entlang eines Sees ein stilles Plätzchen für die Nacht.

 

Nach dem Frühstück wollten wir die Region um Baia Mare genauer erkunden. Im Sommer wird hier Rafting und Paragliding angeboten, außerdem sind auch unzählige Offroadstrecken zu befahren. Für den Winterurlaub existieren sogar Schlepp und Sessellifte. Kai hatte in diese Region einen Track gebaut, der uns zu einer Abhörstation / Radaranlage führen sollte. Wegen der Aussicht auf einen weiteren „Lost Place“ und der Panoramen von oben wollten wir die Nummer unbedingt fahren, mussten jedoch nach dem 3. Versuch aufgeben, da wir keinen Einstieg in die Route finden konnten. Entweder waren diese mit Schranken und Stein versperrt, oder der Weg wurde zu schmal für unsere großen Defender und es hieß umkehren.So ging es am späten Nachmittag in Richtung Sighetu Marmației. Zum einen wollten wir am kommenden Tag dort in die Ukraine einreisen, zum anderen gab es dort einige Museen dort zu besichtigen. Wir übernachteten direkt im Muzeul Satului Maramuresan. Auch hier gibt es auf Wunsch ein Bett und eine warme Dusche. An dieser Stelle mussten wir auch Abschied von unserem rumänischem Scout Marius nehmen, mit dem wir in der Woche viel erlebt und gelacht haben. Danke Marius, ohne Dich hätten wir sicherlich nicht soviel in der kurzen Zeit mitnehmen können.

Betreffend der Ukraine finden sich in Foren und Reiseberichten etliche Schauergeschichten über willkürliche Straßenkontrollen, korrupte Beamten und Schikanen beim Grenzverkehr im Umgang mit uns Touristen. Aufgrund dieser Berichte hatten wir extra ein paar US Dollar und Euros in kleinen Scheinen dabei, doch dazu später mehr. Der Grenzübergang in Sighetu Marmației ist nicht ausgeschildert, wir fanden Ihn durch Studium der Open Streetmap Karte. Glücklicherweise war die Schlange nicht groß und nach 60 min waren alle 3 Land Rover Defender ohne weitere Komplikationen in der Ukraine. Konnte dies so einfach sein? Vom Grenzübergang fuhren wir entlang der ukrainisch rumänischen Grenze in Richtung Osten. Unser Tagesziel war der mit 2061m höchste Gipfel der Waldkarpaten, Mount Hoverla, inmitten des Karpaten Biosphären Reservats. Unsere ursprüngliche Planung sah vor, den Gipfel von Osten mir fahrt auf Kilometerlangen Bergkämmen anzugehen. Aufgrund des schlechten Vorankommens in der Woche zuvor sind wir über die Stadt Rhakiv in das Zielgebiet vorgestoßen. Wir hatten im Vorfeld recherchiert, das der Mt. Hoverla bis kurz unter den Gipfel mit dem Auto erreichbar sei. Dies wollten wir unbedingt probieren. In Rhakiv selbst gab es noch eine Unterkunft zu scouten, die in dem Bericht über die Befahrung des Mt. Hoverla erwähnt wurde. In der kleinen Stadt Hoverla selbst befindet sich die Ranger Station für das Biosphären Reservat. Nach Abgabe eines Obolus von EUR 10 pro Auto / pro Tag ging es auf vielen Serpentinen mitten durch den Wald in Richtung Gipfel. Naturfreunde kommen hier auf Ihre Kosten, da der Weg analog einem Lehrpfad aufgebaut ist. Zwischendurch finden sich immer wieder Stationen die Flora und Fauna des Karpaten-Biosphärenreservat erklären. Auf ca 1700m endete der Weg jedoch an einer Rangerstation und Unterkunft für Wanderer. Ab hier ging es nur noch per Pedes auf den Gipfel. Nole und Graham setzen jedoch all Ihren Charme ein und so gestatteten uns die Ranger, die letzten Höhenmeter in Ihrer Begleitung zu befahren. Wir forderten den Defendern hier noch einmal alles ab, um zwischen den Wandergruppen maximal verschränkt mit knallenden Federn den Gipfeln zu erreichen. Das Ziel vor Augen mussten wir jedoch irgendwann zurückstecken, da aus dem Weg nur noch ein schmaler Kamm wurde der per Auto bei aller Liebe nicht mehr befahrbar war. Nach Wendemanöver in 30 Zügen, bei dem unser Hecktritt an einem Fels sein Leben lies, knallten wir ausgefedert meist auf 3 Beinen zurück zur Bergstation um dort unser Nachtlager aufzuschlagen. Johns berühmtes Curry schmeckte Aufgrund des Ausblicks und der Hardcore Offroad Einlage zum Schluss doppelt so gut als sonst.

 

Am folgenden Tag wollten die Ranger auf dem Berg noch einmal Bares sehen, obwohl wir am Vortag bereits für 2 Tage Aufenthalt im Reservat bezahlt hatten. Dies nicht mit uns, und zähneknirschend fuhren wir den selben Weg wie am Vortag zurück ins Tal. Unsere Route sollte uns ab jetzt näher in Richtung Heimat bringen. Dabei wollten wir noch dem Tip des Pensionswirts aus Rhakiv folgen, und einen Teil der Strecke durch den Nordwestlichen Teil des Reservats befahren. Nachdem wir den Eingang in Kobyletskaya Polyana nach kleinem Navigationsfehler durch uns endlich erreicht hatten, wurden unser Begehren abgelehnt. Keine Fahrzeuge im Park. Es hieß also mal wieder Strecke machen. Dies ist auch in der Ukraine nicht so einfach, denn im Vergleich zu Rumänien haben die Schlaglöcher hier noch eine ganz andere Qualität. Wir wollten die Einladung eines Ukrainers wahrnehmen, der in Hildesheim lebt und in der Bolekhiv eine Pilzfarm betreibt. Die 200 km wären auf deutschen Straße nicht viel, in der Ukraine bedeutete dies jedoch ein Übernachtung im Outback. Ein auf halber Strecke in der ADAC Karte ausgewiesener Campingplatz war nicht mehr existent, und so schlugen wir uns von der Hauptstraße ein paar Meter in Wald, um dort unser Camp aufzuschlagen. Am folgenden Tag erreichten wir kurz vor Mittag Viktors Pilzfarm, der uns dort mit einem traditionellen Gerichten aus der Ukraine willkommen hieß und uns eine Führung durch die Firma gab. Nachmittags unternahmen wir noch einen Ausflug zur „Carpathian Sphinx“, einer Sandsteinformation in der Nähe von Bolekhiv. Viktors Übernachtungsangebot mussten wir ausschlagen, da dies die letzten Nacht in der Ukraine sein sollte und wir am kommenden Tag früh an der polnisch ukrainischen Grenze sein wollten. Die Horrorberichte zu den Ukrainischen Grenzern waren noch immer im Hinterkopf. Die letzten Nacht in der Ukraine war auch die einzige mit Dauerregen, bei der unser Gordigear Explorer Plus Dachzelt seine Wasserdichtigkeit unter Beweis stellen konnte.

Für den vorletzte Tag der Expedition durch Rumänien und die Ukraine war eine kleine Etappe von 200 km von Bolekhiv, Ukraine nach Sanok, Polen geplant, bevor es auf die Marathonetappe in die Heimat ging. Morgens früh hatte es irgendwann aufgehört zu regnen, dennoch mussten die Zelten nass eingepackt werden. Gegen 11:00 erreichten wir dann Grenzübergang nach Polen, der uns zurück in die Europäische Union führen sollte. Bei Betreten einer ukrainischen Grenzstation bekommt man einen kleinen weißen Laufzettel, den man bei Passkontrolle und Zoll abstempeln lassen muss. Beim Verlassen der Station wird dieser weiße Zettel wieder eingesammelt. Fehlt ein Stempel oder geht der Laufzettel unterwegs verloren, hat man dann definitiv ein Problem … Gleich am ersten Schalter gab man uns zu verstehen, das heute jeder 3. Defender ausführlich gefilzt werden würde. Da wir heute die Nachhut bildeten konnten Nole und Graham unbehelligt fortfahren, während wir aus der Reihe ausscheren durften und in ein Halle abseits gebeten wurden. Dort wurden alle Zarges Kisten besichtigt und das Dachzelt wurde entfaltet, um auch hier einen Blick ins innere werfen zu können. Lediglich ein Blister Tabletten in unserer Reiseapotheke erregte die Aufmerksamkeit der Grenzer, und man bedeutet uns neben der Halle zu parken und warten – „just a Moment“. Ein sehr dehnbarer Begriff wie wir feststellen mussten, den es dauerte sage und schreibe 2 Stunden, bis man sich wieder unser annahm. Die ukrainischen Behörden versuchten es scheinbar als Entschuldigung mit Präsenz, da sich tatsächlich gleichzeitig 8 Beamte auf unser Auto zubewegten. Mit Händen und Füßen versuchten wir den Grund für die Verzögerung herauszubekommen, denn niemand sprach Englisch oder Deutsch. Wie wir herausfanden war der Blister Tramadol Schmerztabletten das Problem, da wir hierfür kein Rezept vorlegen konnten. So wurde unser Auto mit mehreren Digitalkameras fotografiert, auch der Blister Tabletten im Auto, der Blister Tabletten neben dem Kulturbeutel im Defender, Beamter + Blister + Kulturbeutel + Defender … Wegen der bekannt 2x zu großen Mützen bei den russischen Uniformen, davon auch noch 8 Stück, musste ich mich dann doch arg zusammenreißen um meine ernste und besorge Miene zu bewahren. Man bedeutete uns, das Auto abzuschließen und den Herren in die Grenzstation selbst zu folgen. So wurde unsere Aussage in einem kleinen Büro mit 2 Schreibtischen mit Fenstern, die nicht gekippt werden konnten, aufgenommen. Tramadol steht in der Ukraine auf gleicher Ebene wie Morphium. Der Besitz des Medikaments ist ohne Rezept illegal, auch wenn die Ukraine nur als Transferland durchfahren wird. Wir hatten die grünen Versicherungskarte und auch die vom ADAC gestempelte Vollmacht dabei, da Halter und Versicherungsnehmer zwar in einem Auto saßen aber andere Nachnamen haben. Einen Hinweis auf Rezeptpflicht bei bestimmten Medikamenten hatten wir alle bei Recherchen vorab nicht entdeckt. Unsere Aussagen wurden handschriftlich auf einem jeweils 4 seitigem Formular aufgeschrieben. Die Kollegen vom Zoll fertigten parallel auch noch ein 2 seitiges Formular zum Fahrzeug aus. Schlussendlich wurde der Blister mit den Tabletten beschlagnahmt, hierfür mussten ebenfalls fein säuberlich 3 Seiten handschriftlich ausgefüllt werden …

 

Wegen des Bandscheibenvorfalls der Copilotin vor 6 Jahren hatten wir für den Notfall das Tramadol dabei, welches übrigens in Deutschland bei weitem nicht so gefährlich klassifiziert wird. Schlussendlich konnten wir bei den Grenzern vertrauen erwecken und wurden nicht als Drogenschmuggler verdächtigt. Dennoch wurde jedem Kollegen der nur kurz im Büro vorbeischaute die Geschichte zur Fundsache im Land Rover Defender von neuem in epischer Breite erzählt. Der Blister Tabletten – übrigens seit 04-2013 abgelaufen – befand sich schon mehrmals im Aservaten-CSI Kiew-Kunststoffbeutel und wurde zu Schilderung der Geschichte immer wieder neu hervorgeholt. Es ist und bleibt ein Rätsel, wie der Sozialismus bei dieser Bürokratie so lange überleben konnte. Dennoch ist es der Prozess und es bleibt einem nichts anderes übrig als zu lächeln und das Prozedere über sich ergehen zu lassen. Später gesellte sich noch ein Luxemburger wegen fehlendem Rezept für ein anderes Medikament zu uns. Dieser hing über eine 1h wie in HB Männchen unter der Decke, bis er verstand, das das notieren von Namen, Kontakte im Konsulat und sonstewo sowie Paragraphenreiterei in dieser Situation überhaupt nichts bringen. Der Grenzer der schreibt, der bleibt und bekommt einen neuen Stern auf der Schulterklappe.

Zwischenzeitlich hatten wir uns bei Nole und Graham telefonisch abgemeldet, wir würden dann zum Campingplatz in Sanok aufschließen. Irgendwann war dann alles aufgeschrieben und wir bekamen die Pässe zurück, allerdings ohne den oben beschriebenen kleinen weißen Laufzettel. Hier verlor ich dann ebenfalls kurz die Kontenance bis ich feststellte, das die Truppe ja doch lesen kann. Man hatte beim mehrmaligem Studium der Papiere nun spitz bekommen, das unser Defender lt. Fahrzeugschein ja ein LKW ist – und LKW zahlen in der Ukraine eine Maut. Nach Vorlage der Maut Quittung sollte es den Laufzettel wiedergeben. Egal nun, also noch 2 mal angestellt und nach insgesamt 7 Stunden auf der ukrainischen Grenzstation rollten wir weiter zu den polnischen Kollegen …

Die polnischen Grenzer Kollegen musterten neugierig unseren Defender und die schönen silbernen Zarges Boxen auf dem Dach. Mittlerweile kurz nach 18:00 Uhr war nicht mehr viel Los auf der Station uns so kam was kommen musste: „Fahren Sie doch bitte mal da drüben in die Halle, Fahrzeugkontrolle!“ Wir hatten schon darauf gewettet. Aber was sollte passieren, alle illegalen Medikamente waren ja bereits 500m vorher beschlagnahmt worden. Ein flüchtiger Blick in unser Kisten reichte den Grenzern und bereits 30 min später waren wir auf dem Weg in Richtung Sanok, wo uns Abends spät die Vorhut bereits frisch geduscht mit brennendem Feuer auf einem modernen Campingplatz mitten am Fluß erwartete.

Die letzte Marathonetappe am nächsten Tag von über 1000 km endete für die Reisegruppe ohne weitere Vorkommnisse am PWC Brockenblick, wo wir uns 15 Tage zuvor auf den Weg ins Abenteuer gemacht hatten. Die Truppe hatte Trotz des ganzen Stresses jede Menge Spaß, kurz und knapp: Immer wieder gerne mit euch !

 

Der Nordern Rumäniens ist ein wunderschönes Flecken Erde mit ursprünglichen netten Menschen und einer malerischer Natur. Es ist erstaunlich, wie die Zeit in den kleinen Ortschaften scheinbar stehen geblieben ist und Pferdefuhrwerke, die Dorfbrunnen, die Landwirtschaft für die eigene Versorgung und Waldwirtschaft zum Alltag gehören. Nicht allein der Sozialismus und die über 2 Jahrzehnte andauernde Knechtschaft unter Nicolae Ceausescus Regime können dafür verantwortlich sein. Offroader kommen hier voll auf Ihre Kosten, auch wenn man Privatbesitz und die Grenzen der Nationalparks respektiert. Im krassen Gegensatz dazu die Ukraine, wo Sozialismus trotz Autonomie des Landes noch immer offensichtlich ist und die Menschen dem Westen gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Auch die Ukraine ist reich an Natur, wobei die Holzwirtschaft in den Karpaten dort in anderen Dimensionen betrieben wird.

Rumänien bleibt auf der Liste ganz oben … wir kommen wieder !

Titelbild: Norbert Lehmann

Bilder:

 

Hier das Video zum Trip:

Schreibe einen Kommentar